Teneriffa

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Nein, von seiner Faszination hat er nichts eingebüßt. Flugzeuge umkreisen ihn in respektvollem Abstand, bevor sie zur Landung auf Teneriffa ansetzen. Schon aus großer Entfernung weist er den Weg zu seiner Insel, deren Wahrzeichen er ist. Oft trennt ihn eine dichte Wolkendecke von der Welt darunter. Dort oben herrscht nur er über eine lebensfeindliche Mondlandschaft – der König der Vulkane, der Pico del Teide. Immer hat er die Menschen beeindruckt, ja geängstigt. Noch 1909 gab es an seinem Nordhang einen Ausbruch.

Schon durch die Legenden des Altertums geisterte eine Insel mit Namen Nivaria, die „Verschneite“, deren weiße Spitze Seefahrer von Weitem sahen, ohne sie selbst entdecken zu können. Die Guanchen, die ersten Siedler Teneriffas, vermuteten hinter den Ausbrüchen des Teide den Zorn des Gottes Guayote. Kolumbus hielt Funken und Rauch, die er spuckte, für ein böses Omen für seine erste Entdeckungsreise. Alexander von Humboldt bewunderte 1799, wie die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel zum Strahlen brachten, während an der Küste noch Dunkelheit herrschte. Auf dem mit 3718 m höchsten Berg Spaniens beginnt und endet der kanarische Tag. Und es ist bei seiner Höhe nicht ungewöhnlich, dass er im Winter schneebedeckt ist – trotz der südlichen Lage der Kanaren.

Teneriffa, die mit 2034 km2 größte der sieben „Inseln des ewigen Frühlings“, wie man die Kanaren schon zu Homers Zeiten nannte, begeistert durch Kontraste: Tiefblauer Ozean und tolle Strände, schroffe Küsten und Schluchten, dichte Wälder und karges Ödland, der Vulkan Teide inmitten bizarrer Lavameere – die Natur zeigt ihre ganze Vielfalt. Durch koloniale Städte streifen, Museen und Kirchen entdecken – auch kulturell ist einiges los auf Teneriffa. Man sitzt bei den Einheimischen in urigen Bars, genießt ihre traditionelle Küche, trinkt ihre kräftigen Weine, erlebt ihre Feste. Surfen, tauchen, wandern, Rad fahren, die Nacht zum Tag machen oder einfach nur die Seele baumeln lassen – auf Teneriffa herrscht nie Langeweile. Und die Sonne scheint dazu – das ganze Jahr.

Bei der Ankunft fährt aber vielen erst einmal der Schreck in die Glieder. Der Süden ist rau und verdorrt. Wasser, das wird deutlich, ist ein ebenso kostbares wie seltenes Gut. Einst breiteten sich große Wälder über Teneriffa aus, sprudelten Bäche aus den Bergen herab. Die Spanier begannen Ende des 15. Jhs. mit dem Raubbau an Mensch und Natur. Erst unterwarfen sie die Guanchen, dann holzten sie Lorbeerbäume und Kiefern ab, an deren langen Nadeln die Feuchtigkeit der Wolken kondensierte und zu Boden fiel. Erosion war die Folge, Teneriffas Ökosystem wurde schwer geschädigt. Heute stehen Kiefern- und Pinienwälder nur noch im Landesinneren, Lorbeer hat im Anaga-Gebirge im Nordosten überlebt.

Andere einheimische Pflanzen hatten es besser: Die Kanarische Palme mit dickem Stamm und weit ausladender Krone trifft man überall in den Tälern; cardón, die Kandelaberwolfsmilch, besiedelt trockene Gegenden ebenso wie die strauchigen Wolfsmilchgewächse tabaiba und tajinaste. Der Natternkopf bringt in niederen Lagen im April weiße und im Hochland von Mai bis Juni rot-violette Dolden hervor. Dort finden sich auch retama, eine weiß blühende Ginsterart, und codeso, der gelb leuchtende Geißklee. Kakteen, Mandelbäume, Eukalyptus und sämtliche Obstbäume kamen dagegen erst mit den Eroberern ins Land, haben aber inzwischen in ihrer neuen Heimat überall Wurzeln geschlagen. Bananen, Wein und die gesamte Blütenpracht der Ferienorte – von der Bougainvillea über den Hibiskus bis zur Geranie – existieren hingegen nur dank ständiger Bewässerung.

Die Guanchen, später auch die Europäer, siedelten bevorzugt auf dem kühlen Hochplateau von La Laguna und im Valle de la Orotava, der grünen Lunge Teneriffas. Zugute kam ihnen dabei der Nordostpassat. Beständig bestreichen die feuchten Winde den Norden Teneriffas in 700–1700 m Höhe und stauen sich am zentralen Hochland. Die Wolken regnen sich ab und geben Schatten, was die Temperaturen senkt und die Vegetation mit Wasser versorgt. In dieser Region ist es stets kühler als im Süden der Insel. Wer dort allerdings afrikanisches Klima befürchtet – der Schwarze Kontinent liegt immerhin nur gut 300 km entfernt – wird angenehm überrascht. Vielmehr herrscht ewiger Frühling, das bedeutet milde Temperaturen – kaum über 30 Grad im Sommer, selten unter 20 Grad im Winter – jahrein, jahraus. Warmer Passat und der frische Kanarenstrom im Atlantik halten eine stete Balance. Mehrmals im Jahr taucht allerdings der calima auf, ein heißer, staubiger Wüstenwind, der direkt aus der Sahara herüberweht und sich für mehrere Tage wie ein Mantel über den Archipel legt. Dann steht die Luft, und das Atmen fällt schwer. Ist der Wind abgezogen, bleibt eine feine Schicht Wüstensand auf Gebäuden und Pflanzen zurück.

Die Urlaubsgebiete Los Cristianos und Playa de las Américas im Süden lassen kaum einen Touristenwunsch offen. In nur 50 Jahren sind hier Apartmentanlagen, Hotels, Strände und Freizeitparks entstanden – allerdings um den Preis, in einem Touristenghetto zu wohnen. Puerto de la Cruz im Norden war dagegen schon vor 100 Jahren ein Kurbad für betuchte Engländer, die sich in dem einstigen Hafen La Orotava einquartierten, um so dem Winter daheim zu entkommen. Dort profitieren Einheimische wie Fremde vom Zusammenleben: Urlauber wohnen in einer gewachsenen Umgebung, Kanarier machen mit ihnen gute Geschäfte.

Will man aber Land und Leute wirklich kennenlernen, muss man sich tiefer auf Teneriffa einlassen. Knapp ein Drittel der 800 000 tinerfeños lebt heute in der zona metropolitana, wie man die alte und die neue Hauptstadt, La Laguna und Santa Cruz, zusammenfassend nennt. Hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. La Lagunas historisches Zentrum wurde verkehrsberuhigt und komplett restauriert, was der Stadt das Prädikat Unesco-Weltkulturerbe eingebracht hat. In Santa Cruz schufen international renommierte Architekten emblematische Bauten wie das Auditorium, den Kongresspalast und das Kunstzentrum TEA. Viele ambitionierte Pläne hatte man für die Zukunft, so die Verschönerung der Meeresfront bis hin zum 10 km entfernten Badestrand in San Andrés. Doch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise machte all diese hochfliegenden Pläne bis auf Weiteres zunichte. Nachdem der Strom billigen, internationalen Bankgeldes 2009 schlagartig verebbte und keine Kredite mehr ausgegeben wurden, geriet die Bauwirtschaft, Motor der spanischen Ökonomie, ins Stottern. Zehntausende Beschäftigte verloren ihren Job, konnten ihren teuren Kredit nicht mehr bedienen und mussten ihr Haus an die Bank abgeben. Im Alltag merkt man davon freilich wenig: Trotz aller Widrigkeiten gute Laune zu zeigen, ist ein Credo der Kanarier. „Wir können ohnehin nichts ändern, warum also klagen und uns das Leben noch schwerer machen“, ist ein viel gehörter Satz. Und so feiern die Kanarier weiterhin schöne Feste, gehen ins Café oder in ihre Lieblingsbar, flanieren noch spätabends durch die Parks der Städte und halten zwischen 13 und 17 Uhr ihre Siesta.

Wer sich dagegen auf dem Land umschaut, den überraschen archaische Strukturen: Bauern, die ihre Esel beladen; alte Männer, die auf der Plaza den Tag verdösen; Frauen in Schwarz bei der Feldarbeit; Hütten, deren Dächer von der Last der Jahrzehnte durchhängen: ein spartanisches Leben, wie es noch vor einem halben Jahrhundert auf ganz Teneriffa üblich war. Zu Beginn des 20. Jhs. wanderten Tausende tinerfeños nach Südamerika und Kuba aus, um dem Hunger in der Heimat zu entfliehen. Doch heute gehört das Wort Emigration einer Vergangenheit an, die für alle Zeiten überwunden scheint. Trotz aller Krisen in der Gegenwart sind sich die Kanarier mit allen Spaniern einig, dass die Schwierigkeiten zu meistern sind.