Fuerteventura

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„Eine Wüste ist dieser erhabene und geliebte, weltabgeschiedene Erdenfleck Fuerteventura – eine der Inseln, die man einst die Glückseligen nannte … ein nacktes, skeletthaftes, karges Land aus nichts als Knochen, ein Land, das eine ermüdete Seele zu stählen vermag.“ Der dies schrieb, der Dichter Miguel de Unamuno, rühmte Fuerteventura 1924 nicht als erholungsbedürftiger Urlauber, sondern als politisch Verfolgter, verbannt in die ärmste Wildnis, die es in Spanien gab.

„Oase in der Wüste der Zivilisation“ nannte er sein Zwangsasyl trotzig, und all die Sonnenhungrigen und Surfbegeisterten, die heute freiwillig hergeflogen kommen, schätzen ebendies an Fuerteventura: die Urwüchsigkeit, die auf Sand, Stein und Strauchwerk reduzierte Landschaft inmitten des Ozeans, die herbe Symphonie aus fast weißem Strand, blauem Himmel, blaugrünem Meer, braungelber Steppe und grauschwarzem Geröll. Nichts ist hier von der üppigen Vegetation La Palmas oder der landschaftlichen Vielfalt Teneriffas zu erahnen, nichts vom quirligen Stadtleben auf Gran Canaria. Bis heute zählt Fuerteventura mit nur 61 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Kanarischen Inseln, und der Hauptort Puerto del Rosario ist eine Kleinstadt von gerade einmal 37 000 Seelen.

Eines freilich ist anders geworden als zu Unamunos Zeiten: Die Zivilisation hat Einzug gehalten. Als künstliche Oasen liegen sie da, die Feriensiedlungen aus Bungalows oder die terrassenförmig an die Hänge geschmiegten Hotels, umgrünt mit üppigen Pflanzen, die ohne künstliche Bewässerung rasch verdorrt wären, ausgestattet mit Duschen und Diskotheken, Bars und Boutiquen. Nichts ist wie daheim, man braucht nur auf den Balkon zu treten. Nur Sand, Himmel und Meer sind zu sehen und zu hören ist nichts als das Geräusch des ewigen Windes.

Gewiss sorgt die Hotelanimation heute für jede Menge Kurzweil, doch ist die Insel gerade auch deswegen beliebt, weil sie das ideale Kontrastprogramm zur Reizüberflutung bietet. Hier gefährdet kein Besichtigungsstress die Erholung. Es gibt weder antike Gemäuer noch berühmte Museen. Dennoch sollten Sie auf einer Rundfahrt oder besser auf einer geführten Wanderung auch einmal die verborgenen Attraktionen aufspüren – ob Schluchten, Lavafelder oder Dorfkirchen –, die Ihnen den „Geist“ der Insel nahebringen. Oder eine Siesta in einem kleinen Fischerort oder einem Bergdorf halten. Denn in den älteren Ortschaften herrscht vor allem eines: Ruhe. Da sitzt man vor der Dorfkirche unter schattigem Blätterdach, sieht einem Hibiskus beim Blühen zu, die Sonne malt helle Flecken aufs Pflaster, und die Zeit steht still. Man mag sich in die herrlichen Wanderdünen von Corralejo legen und sehen, wie der Wind die Sandkörner vor sich her bläst, oder zuschauen, wenn bei sinkender Sonne die Landschaft ihre Farben aufleuchten lässt: rostrote Hänge mit blassgrünen Streifen, graugrüne Flechten auf schwarzen Lavabrocken. Die Schatten wandern; fast nichts geschieht, und doch hat man etwas Großartiges erlebt.

Die Glücklichsten sind wohl die Wassersportler. Mit stabiler Wetterlage und Spots für alle Schwierigkeitsgrade locken die Strände ein buntes Surferpublikum an; wenn Wettkämpfe angesagt sind, reisen sie aus aller Welt an. Da kaum einmal Regen, Sturm oder eine Flaute in die Quere kommen, lernen auch Anfänger schnell. Und sollte einer doch am Brett verzweifeln, kann er Katamaran segeln oder beim Hochseeangeln sein Glück versuchen. Die wahren Qualitäten Fuerteventuras entdeckt aber erst, wer schnorchelnd oder tauchend in einem der vielen Tauchreviere entlang den Küsten die phantastische Unterwasserwelt in Augenschein nimmt. Jede Tauchschule hat ihre speziellen Plätze. Mal sind es bizarre, im Meer erkaltete Lavaströme, mal weißer Sand, mal langsam zerfallende Schiffswracks, an denen sich alles an Fischen und anderem Seegetier tummelt, was in Küstennähe nur vorkommt.

Die Landschaft variiert nur wenige Themen: zu Kuppen geschliffene Vulkankegel, Kerbtäler, ein paar Palmenoasen, eine Handvoll kleiner Bergorte, kaum so viele Fischerdörfer, ab und zu Windräder oder eine Windmühle. Variantenreich und schön aber sind die Küsten. Da gibt es die kilometerlangen, hellen, feinsandigen Strände der Halbinsel Jandía, den fast weißen Dünenstrand bei Corralejo, die dunkelkiesigen, fast schwarzen kleinen Buchten vor den Fischerorten im Süden Maxoratas, des Inselhauptkörpers, und im Westen wild umtoste Klippen mit engen Einschnitten hier und da und Sand schwarz, gold und gelb. Auch die Brandung ist sehr unterschiedlich: An einem Strand können selbst kleine Kinder gefahrlos baden, am zweiten muss mit den Wogen gekämpft werden, am dritten reißt das Meer jeden fort, der sich zu weit hineinwagt.

Bildungsreisende werden mit Fuerteventura vermutlich nicht sehr glücklich werden. Von Interesse allerdings ist die ländlich-bäuerliche Lebensweise der früheren – und teils noch der heutigen – Insulaner. Wie erfindungsreich sie z. B. bei der Wassergewinnung, -bewirtschaftung und -aufbereitung sein mussten, ist faszinierend. Auch sonst war es nicht leicht, sich auf dieser zwar fruchtbaren, doch eher lebensfeindlichen Insel zu behaupten. Einwanderer aus Südspanien und Frankreich brachten neue Ackerbaumethoden und die Viehzucht nach Fuerteventura mit. Esel und Kamele wurden als Lasttiere und als „Antrieb“ für Brunnengöpel eingesetzt. Das Sagen hatten die señores; den einfachen Insulanern, den majoreros, erging es über Jahrhunderte mehr schlecht als recht. Nur 6000 bis 8000 Einwohner dürfte es damals gegeben haben. Blieb der Regen längere Zeit aus, oder fielen Heuschrecken aus der Sahara ein, waren Hungersnöte unvermeidlich. Hilfe von außen gab es nur für die señores und das Militär, dessen einstige Kommandozentrale, die Casa de los Coroneles in La Oliva, heute der bedeutendste historische Profanbau der Insel ist.

Dieses repräsentative Gebäude sowie etliche ehemalige Bauernhäuser und Scheunen wurden in den letzten Jahren stilgetreu restauriert und teils zu Museen umgewandelt, teils als Ferienwohnungen hergerichtet. „Ländlicher Tourismus“ lautet das Stichwort, interessant vor allem für solche Gäste, die für ihren Urlaub weniger eine Taucher- als vielmehr eine Lesebrille und ein gutes Buch benötigen. Abgesehen von diesen kleinen Herbergen für wenige Gäste, denen die Strandferne nichts ausmacht, wohnt man ganz überwiegend in wassernahen Hotel- und Apartmentanlagen mit selten unter 100 Einheiten. Abseits der Strände jedoch, im Landesinnern, hat man am ehesten Gelegenheit, die spanische Seite der Insel zu erleben, und zwar am besen bei einer Fiesta. Da spielen dann nachts die Bands auf dem Dorfplatz zum Tanz auf, an Buden werden Imbisse verkauft, Alt und Jung sind auf den Beinen. Am Haupttag schreitet eine Heiligenprozession einher, vornweg die Honoratioren und dahinter im Festtagsstaat die Dorfbevölkerung, sofern sich nicht, wie in manchen Fischerorten, geschmückte Boote zu einem Umzug auf dem Wasser versammeln. Mit Fiestas und Karneval ist beim Feiern noch nicht Schluss. Diese traditionellen Termine werden heute in den Schatten gestellt von moderneren Besuchermagneten, die für manche ein Grund sind, von weither deswegen anzureisen. Besonders gilt dies für die alljährlich Ende Juli/Anfang August durchgeführten Windsurf-Weltmeisterschaften. Vor allem die Freestyle-Surfer mit ihren akrobatischen Kapriolen locken scharenweise Zuschauer an. Musikenthusiasten strömen im März nach Corralejo zum Bluesfestival, und im frühen November, beim Internationalen Drachenfestival, hängt ebendort der Himmel über den weißen Wanderdünen voller phantasievoller, bunter Gebilde.

In dieser Hinsicht wird zum Glück einiges an Abwechslung geboten. Geführte Radtouren und Wanderungen verschiedener Schwierigkeitsgrade sind am einfachsten zu realisieren, aufregender wird es bei Motorrad- oder Quadtouren, und wer mehr über die Insel erfahren will, findet liebevoll gemachte Museen sowie Kunstausstellungen und Galerien. Mindestens ein Strandspaziergang pro Tag muss aber immer sein, denn bessere Erholung für Seele, Geist und Körper gibt es auf der Insel nicht, als zur Musik von Wind und Wogen durch den Sand zu stapfen. Der letzte Abend rückt heran. Wie Abschied nehmen? Noch einmal eine Beach-Party feiern? Eine Paella mit frischen Meeresfrüchten im Hotelrestaurant genießen? Ein Umtrunk mit Sangria an der Poolbar veranstalten? Vielleicht fahren Sie aber doch lieber noch einmal in ein verschlafenes Fischerdorf, wo Sie am Strand auf der Terrasse eines kleinen Bar-Restaurante einen herrlich frischen Fisch verspeisen und einen herben Landwein trinken, wo Sie noch einmal die Brandung rauschen hören und Ihnen der Passat die Haare zaust …