Formentera

Auftakt

 

„Als Kinder“, erzählt Carmen, die auf Formentera aufgewachsen ist, „sind wir einfach mit den Hippies losgezogen. Meine Mutter hatte meist ein Picknick vorbereitet, dann ging's mit dem Esel und dem Karren los. Damals war selbst im Hochsommer am Illetes-Strand fast niemand zu sehen!“

Das ist heute unvorstellbar – und dabei ist es noch gar nicht so lange her, denn Carmen scheint noch nicht in dem Alter angelangt, in dem bereits die Rente winkt. Auf der Insel darf sie sich guten Gewissens als Besonderheit fühlen, denn unter den etwa 8000 ständigen Bewohnern gehört sie zu den waschechten Einheimischen – obwohl sie auf Ibiza geboren wurde. Warum Letzteres? „Ganz einfach“, sagt sie, „dort war die nächste Entbindungsstation.“ Heute verfügt Formentera längst über ein eigenes Krankenhaus, hat vermeintlich Versäumtes mit Siebenmeilenstiefeln aufgeholt – und ist in vielerlei Hinsicht doch die Alte und sich selber treu geblieben. Auf 82 km2 bleibt weder Platz für einen Flughafen noch für große Städte – daher rührt das häufig benutzte Prädikat von der „Friedensinsel“. Ein neuerer touristischer Slogan lautet: „Das letzte Paradies im Mittelmeer“. Die einzige Anreisemöglichkeit ist mit dem Schiff; im Linienfährverkehr ab Ibiza. Zwischen den Häfen Eivissa und Sa Savina liegen zwölf Seemeilen, und genau dort passiert man auch ein 13 617 ha umfassendes Meeresschutzgebiet, die Reserva Marina dels Freus de Ibiza y Formentera. Hier steht die Unterwasserwelt bis hinab in eine Tiefe von 60 m unter Schutz.

Ob Blumenkinder von damals oder Besucher von heute, sie alle ließen und lassen sich in den Schoß dieses Eilands fallen, das von der Form her mit etwas Phantasie einem etwas klobigeren High-Heel nahekommt. Überall genießt man die Reize einer abwechslungsreichen Landschaft: feinsandige Strände mit einer Gesamtlänge von über 20 km, schattige Kiefernhaine, raue Felsbuchten, von Höhlen durchlöcherte Klippen, die Binnenseen Estany Pudent und Estany des Peix, die Salinen, das kristallklare Meerwasser. Was nicht heißt, dass Formentera einzig ein Hort für weltentrückte Naturseelen oder versprengte Romantiker wäre! Im Sommer genießen Treffs wie die Blue Bar einen guten Ruf, und manche Strände mutieren zu improvisierten Tanzflächen. Unter der Meeresoberfläche wirken die Neptungraswiesen um die Insel wie ein natürlicher Filter, das Wasser ist besonders transparent und erlaubt Tauchern eine Sicht von bis zu 50 m. Das Klima gilt mit annähernd 3000 Sonnenstunden pro Jahr als das regenärmste und wärmste der Balearen. In der Hochsaison wird aus der Fahrrad- vielerorts eine Motorrollerinsel, die sehr viele italienische Gäste anlockt. Man muss sich darauf einstellen, dass die meisten Unterkünfte im Juli/August unverhältnismäßig teuer sind.

Überall auf Formentera sind die Entfernungen und die Höhen gering. Gerade 17 km trennen den Hafenort Sa Savina im Nordwesten von El Pilar de la Mola im Osten, auf der Hochebene La Mola markiert der 192 m hohe Sa Talaiassa das höchste aller Inselgefühle. Hauptstadt ist Sant Francesc, das größte Ausgeh- und Restaurantpotenzial bietet Es Pujols. Hotel- und Apartmentanlagen kommen moderat daher, die einzigen Megakästen liegen im Südosten. Sympathisch hinterwäldlerisch wird es streckenweise im Inland. Staubige Pisten streifen Bruchsteinmauern oder enden unverhofft vor einsamen Anwesen. Hier kommt, zumindest außerhalb der Hochsaison, Formentera-Feeling wie zu besten Blumenkinderzeiten auf, als die salzige Seeluft noch so richtig nach Freiheit und Abenteuer schmeckte.